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ECO-News - die grüne Presseagentur
Presse-Stelle:
Dr. Franz Alt Journalist, D-76530 Baden-Baden
Rubrik:
Energie & Technik
Datum:
22.12.2009
Sloterdijk über Andrea Ypsilanti und Hermann Scheer
Der Philosoph Peter Sloterdijk wurde in der Süddeutschen Zeitung gefragt, ob es Alternativen zum Desaster von Kopenhagen gegeben habe.
Peter Sloterdijk: "Vielleicht ja. In diesem Zusammenhang sollten wir uns an die Vorgänge in Hessen erinnern. Nach der eklatanten Niederlage von Koch und dem großen Wahlerfolg von Frau Ypsilanti hätte dort ein möglicherweise epochales Experiment stattfinden können.
Ich trauere noch immer ein wenig über diese verpasste enorme Gelegenheit. Dabei fehlte gar nicht viel: Es hätte für Frau Ypsilanti genügt, so lange stoisch ruhig zu halten, bis sie von allen Seiten angefleht worden wäre, sich doch in Gottes Namen auch mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen.
Kein Mensch hätte dann dieses hysterische Gerede vom Wortbruch aufgebracht, alle Beteiligten hätten eingesehen, dass es zum politischen Geschäft gehört, in veränderten Lagen veränderte Ansichten zu äußern und ungeliebte Allianzen zu schließen. In Hessen hätte unter Ypsilanti ein energiepolitischer Versuch von weltpolitischer Relevanz abrollen können.
Hermann Scheer hatte ihr ein Papier geschrieben, das darlegte, wie man ohne politischen Putsch, allein durch die Ausschöpfung der legalen Gestaltungsspielräume, eine Umstellung der Energieversorgung zu 100 Prozent auf regenerative Quellen erreichen kann - und zwar in verblüffend kurzer Zeit. Das war das eigentliche Geheimnis der Affäre Ypsilanti.
Wieso wurde denn diese Frau durch eine beispiellose Antipathie-Kampagne aus der deutschen Politik eliminiert? Ich denke, man muss den energiepolitischen Hintergrund des möglichen Machtwechsels in Hessen beleuchten, um zu verstehen, warum dieser Rufmord geschehen musste.
Das Scheer-Papier brachte ganze Industrien zum Zittern - und man denunzierte den Autor sehr folgerichtig als "Geisterfahrer". Man muss sich nur einmal vorstellen, was das bedeutet hätte, wenn ein Teilstaat einer großen Industrienation in ein Versuchslabor für die Ökowende umgewandelt worden wäre. Und was für eine Katastrophe für den Konsens der großen Bremser, wenn sich Scheers Annahmen auch nur zur Hälfte bewahrheitet hätten!
Alle Regierungen lassen sich von den großen Energieversorgern beraten, deren erste Sorge darin besteht, sehr lange Umstellungsfristen zu verlangen. Es wäre für sie ein Desaster, sollte sich erweisen, dass das alles ganz schnell gehen könnte, wenn nur der politische Wille dazu da wäre.
In dieser Lage braucht man Experten, die beweisen, was bewiesen werden soll: Dass man bis zum Jahr 2030 vielleicht 20 Prozent aus alternativen Energien beziehen kann, und vielleicht 50 Prozent bis zum Jahr 2050. Man sieht allzu klar, wie der gekaufte Hase läuft: Er soll am besten nur sehr kleine Schritte machen. Aber wie wäre es, wenn die Technologien schon heute für mehr als einen kleinen Schritt ausreichten - wenn sie einen Sprung ermöglichten?"
Quelle: Sonnenseite 2009
Süddeutsche Zeitung 20.12.2009
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