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ECO-News - die grüne Presseagentur
Presse-Stelle:
oekom verlag, D-80337 München
Rubrik:
Umwelt & Naturschutz
Datum:
16.07.2007
Mariner Mineralienabbau: Im Goldrausch der Tiefe
Während oberirdisch die Rohstoffe zur Neige gehen, ruhen auf dem Meeresboden gewaltige Vorräte. Noch
Der Bergbau im tiefen Ozean schreitet mit großen Schritten voran. Edelmetalle wie Kupfer, Nickel und Mangan werden trotz technischer Herausforderungen schon bald gefördert. Doch die Betreiber verharmlosen mögliche Umweltschäden. Und internationale Regeln greifen nicht oder kommen zu spät. VON ONNO GROß, DEEPWAVE
Der Anblick ist atemberaubend: Schwarze giftige Gas- und Mineralwolken quellen aus der Meeresspalte, so heiß, dass das Thermometer am ausgestreckten Greifarm zu schmelzen beginnt. Und dazwischen wimmeln zu Tausenden exotisch anmutende Wesen im Scheinwerferlicht des Tauchboots. An den Flanken der hydrothermalen Schlote, den so genannten Schwarzen Rauchern, die aus mineralhaltigen Quellen aufsteigen, wachsen Röhrenwürmer mit roten Köpfen, dazwischen huschen weiße Krebse und aalartige Fische. Zum ersten Mal hatten 1977 Forscher in der pazifischen Tiefsee nahe der Galapagos-Inseln ein vom Sonnenlicht unabhängiges neues Ökosystem entdeckt.
30 Jahre nach der Entdeckung der Hydrothermalquellen sind wieder Tauchboote zu den untermeerischen Schornsteinen der Erde unterwegs. Diesmal erforschen sie aber nicht die bizarre Tierwelt, sondern suchen nach wertvollen Edelmetallen. Ob Gold, Silber, Platin, Mangan und Kobalt, Molybdän und Kupfer, Tellur für die Solarzellen der Hightech-Industrie oder seltene Erden: Der Ozean bietet einen Schatz an immer wertvoller werdenden Mineralien. Geschätzte 100 Millionen Tonnen Erze gibt es allein in 2.000 Meter Tiefe im Roten Meer, weitere Millionen Tonnen Buntmetalle vermuten Geologen an versunkenen Vulkanen.
Die heißen Quellen sind die Erzfabriken der Tiefsee: In ihren Wänden lagern sich in Schwefelverbindungen eingepackt die ausgewaschenen Metalle des Erdinneren schichtenweise ab. Mehr als 100 dieser Hydrothermalvorkommen wurden mittlerweile im Weltozean entdeckt, knapp die Hälfte davon sind aktiv. Bis zu 50 Meter hoch werden die bizarren Gesteinstürme, denen Wissenschaftler so klangvolle Namen gegeben haben wie "Godzilla". Seit 1999 eine Expedition des deutschen Forschungsschiffs "Sonne" einen neuen Typ entdeckt hat, sind die Schwarzen Raucher auch für die Wirtschaft attraktiv. In den Gewässern des Inselstaates Tonga im Westpazifik fanden sich Schlote mit so hohen Goldgehalten -30 Gramm pro Tonne Ablagerung -, dass sich ein kommerzieller Abbau lohnen könnte, hieß es von Wissenschaftlern. Seither lockt das Gold der Tiefe.
Das "gemeinsame Erbe der Menschheit"
Wem gehören eigentlich die Schätze der Tiefsee? Darf sich jeder am Goldrausch beteiligen oder ein Stück Meeresboden kaufen? Nein, denn seit 1982 verwaltet das Seerechtsübereinkommen den Tiefseeboden und hat die Schätze als "gemeinsames Erbe der Menschheit" deklariert. Mehr als 158 Staaten waren an der zehn Jahre dauernden Ausarbeitung des Mammutregelwerks beteiligt. Die gerechte Verteilung der Ressourcen ist Aufgabe der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA ("International Seabed Authority"). Seit 1996 erstellt sie Lizenzen für eine mögliche Erzgewinnung oder sorgt für international gültige Regeln und Verhaltenskodizes beim Meeresbergbau. Ein Beispiel ist der im Jahr 2000 in Kraft getretene Tiefseebergbaukodex, der Vorschriften für die Erkundung und Ausbeutung polymetallischer Manganknollen enthält.
Die kartoffelgroßen Manganknollen, die wie Ackersteine auf dem Meeresboden herumliegen, wurden schon im 19. Jahrhundert entdeckt. Geschätzte 10 Milliarden Tonnen finden sich in vielen Regionen der Erde, besonders im nordöstlichen äquatorialen Pazifik, im Perubecken und im Indischen Ozean. Durchschnittlich enthalten die Knollen einen Anteil von etwa 25 Prozent Mangan, beigemengt sind rund drei Prozent Kupfer, Nickel oder Kobalt.
Sedimente verdunkeln das Meer
Welche Umweltauswirkungen der Abbau, ein gewaltiger Eingriff, hätte, zeigt ein großes Störungsexperiment in den 1980er-Jahren. Sieben Jahre nach einem Knollenabbau in der pazifischen Tiefsee fanden Hamburger Tiefseebiologen wieder funktionierende Lebensgemeinschaften in den gestörten Zonen vor. Betroffen war damals allerdings nur ein sehr kleines Gebiet von 3,5 Kilometer Durchmesser, während die Mining-Gesellschaften heute mehr als 100 Quadratkilometer Meeresboden umpflügen wollen. Ein rentabler Manganabbau würde gewaltige Mengen an Schwermetallen und Sediment hervorbringen und die sensible Tiefsee stören. Damit sich der Abbau rechnet, müssten etwa 5.000 Tonnen pro Tag und Unternehmen abgebaut werden. Die Sammelmaschinen hätten tagtäglich also rund einen Quadratkilometer Meeresboden umgepflügt und dabei rund 20.000 Kubikmeter Tiefseesedimente aufgewirbelt. Da wieder eingeleitete Sedimente wie etwa feine Tonpartikel wochenlang die Bildung von Sauerstoff produzierendem Phytoplankton beinträchtigen, erlaubt die ISA die Einleitung nur unterhalb der biologisch aktiven Zonen in knapp 1.000 Metern Tiefe.
Acht Konsortien haben sich mittlerweile Claims in dem manganknollenreichen Gebiet zwischen Mexiko und Hawaii oder im Indischen Ozean reserviert. Um die anderen Staaten an den Abbautätigkeiten zu beteiligen, verlangt die ISA die Aufteilung in ein Abbaufeld und ein ebenso großes Claimfeld als zukünftige Rohstoffquelle für die Menschheit. 2006 hat Deutschland zwei Claims von je 75.000 Quadratkilometer Größe im Westpazifik angemeldet, für 250.000 US-Dollar Lizenzgebühr. Obwohl der Gebietsanspruch nach 15 Jahren verlischt und der Manganknollenabbau derzeit nicht geplant ist, dient er als Sicherheitsmaßnahme für die zukünftige deutsche Rohstoffforschung und -versorgung und der Präsenz in den UN-Gremien.
Jagd geht in Wildwestmanier weiter
Noch ist der Manganknollenabbau zu aufwändig - zu tief, zu weit weg, zu auflagenlastig -, daher konzentriert sich das Risikokapital der Rohstoffindustrie auf die küstennahen Meeresschätze. Im Fokus stehen die vor Kurzem entdeckten Massivsulfidvorkommen, die Gashydratlagerstätten oder die kupferhaltigen Mangankrusten, an versunkenen Vulkanen ausgefällte Erze.
Der rasche Anstieg der Weltmarktpreise für Metalle macht den Tiefseebergbau heute lohnend. Die Investoren - ein "Who is Who" der globalen Bergbaufirmen - scheinen es ernst zu meinen. Ein 120 Millionen US-Dollar teures Erkundungs- und Testbohrungsprogramm soll dieses Jahr starten und Umweltbasisuntersuchungen durchführen. Zwei Tiefseebergprojekte in der Bismarcksee nördlich von Papua-Neuguinea sowie in den Gewässern nördlich Neuseelands stehen kurz vor der Umsetzung. Die kanadische Firma "Nautilus Minerals" plant, ab 2009 den Minenbetrieb in bis zu 1.700 Meter Tiefe aufzunehmen.
Um die wertvollen Metalle zu bergen, sollen ferngesteuerte Greifer die Schwarzen Schlote aus dem Meeresboden reißen. Obwohl die erloschenen Hydrothermalquellen nach derzeitigem Kenntnisstand zwar ökologisch ärmer sind als die aktiven Schwarzen Raucher, an denen es von Leben nur so wimmelt, heißt das nicht, dass sie ökologisches Totland sind. Gerade dort könnten spezielle Organismen wie hitzetolerante Bakterien vorkommen, die der Abbau für immer auslöschen würde.
Mangankrusten können nur großräumig grasende Maschinen gewinnen. China, Indien und Korea wollen in wenigen Jahren mit dem Abbau beginnen, um ihren Hunger nach Kupfer zu stillen. Die Frage bleibt, ob die neuen Bergbaustaaten ihre Verantwortung für die schonende Ressourcennutzung in der Tiefsee auch einhalten. Noch ist es den Schatzhütern der ISA nicht gelungen, eine erweiterte Zuständigkeit durchzusetzen. Derweil wird die Jagd nach Gold und Genen in der Tiefsee weiter in Wildwestmanier vorangetrieben.
Dr. Onno Groß ist Tiefseebiologe und Vorsitzender der Meeresschutzinitiative Deepwave.
Kontakt: Dr. Onno Groß
ogross@deepwave.org
www.deepwave.org
Erschienen in punkt.um 07/2007
www.oekom.de/nc/zeitschriften/punktum/aktuelles-heft.html
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