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Presse-Stelle:  ECO-News Deutschland, D-81371 München
Rubrik:Essen & Trinken    Datum: 18.01.2023
BÖLW: Ökologische Transformation braucht Mut!
Engagement von Cem Özdemir für den Umbau der Landwirtschaft reicht nicht
Mehr Fortschritt wagen und mehr Nachhaltigkeit. Dafür trat vor über einem Jahr die Ampel an. Wie steht es aktuell um den nachhaltigen Fortschritt? Ist die Bundesregierung auf Kurs bei Landwirtschaft und Ernährung?

Weiterhin ist eine nicht nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft bestimmend. Diese ressourcenschädigende Wirtschaftsweise verschärfte sich sogar in den vergangenen Monaten weiter, aufgrund der Auswirkungen des Krieges gegen die Ukraine. Nach wie vor werden zu viel Stickstoffdünger und chemisch-synthetische Pestizide eingesetzt und zu viele Tieren auf zu wenig Fläche gehalten. Das zerstört die Artenvielfalt, verschärft die Klimakrise und gefährdet Gewässer. Die jährlichen Umweltschäden belaufen sich allein in Deutschland 90 Milliarden Euro*.

Tina Andres, Vorstandsvorsitzende des Bio-Spitzenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), stellt fest: "Das Marktversagen bei der Nutzung von Umweltgütern lässt sich nur mit wahren Preisen beseitigen. Dazu muss die Mehrwertsteuer für Bio-Produkte gestrichen werden, denn Bio vermeidet diese Schäden. Nur so werden Gemeingüter geschützt. Ebenso muss eine Abgabe auf Pestizide und Stickstoffüberschüsse erhoben werden. Die Bundesregierung muss sich daran messen lassen, die Umweltschäden zu mindern. Das bisherige Engagement von Cem Özdemir für die ökologische Transformation reicht nicht!"

Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des BÖLW, sagt: "Das 30 Prozent Bio Ziel kann erreicht werden, wenn alle Politikbereiche daran mitwirken, wenn das Wirtschaftsministerium mit auf Nachhaltigkeit fokussierten Förderprogrammen und Bio-Gründungsfonds, das Finanzministerium mit einer ökologischen Steuerreform, das Forschungsministerium mit gut ausgestatteten Öko-Forschungsprogrammen und mehr Bildung zu Bio, das Umweltministerium mit Konzepten, die das volle Umweltleistungspotenzial von Bio heben, das Verteidigungsministerium durch Bio-Verpflegung der Bundeswehr und nicht zuletzt das Landwirtschaftsministerium in allen Gesetzgebungsverfahren von der GAP bis zur Kennzeichnung Bio einplant."

Das muss die Bundesregierung jetzt anpacken, um die grundsätzlich hohe Umstellungsbereitschaft auf Bio von Bäuerinnen, Bauern und Lebensmittelunternehmen für die notwendige Transformation zu nutzen:
  • Die von der Ampel auf den Weg gebrachte nationale Umsetzung der EU-Agrarpolitik, die seit diesem Jahr gilt, wird nicht zur der notwendigen Ökologisierung der Landwirtschaft beitragen. Komplizierte Vorgaben und unattraktive Fördersätze bremsen dem Umbau aus. Die Spielräume für mehr freiwillige und langjährige Öko-Leistungen müssen genutzt werden. Die Mittel für die Umstellung auf Bio reichen nur für minimale Flächenzuwächse (von 11 auf 14 Prozent bis 2027). Damit rückt das 30 Prozent Bio-Ziel in weite Ferne. Der Beschluss, dass 2023 die Mindestvorgaben für Fruchtfolgen ausgesetzt werden, führt zu einem höheren Pestizideisatz. Das geht in die falsche Richtung. Wenn lediglich Konzerne wie RWE große Subventionsempfänger sind, kann das System nicht stimmen.
  • Die Ampel darf nicht den ewig falschen Versprechen der ganz wenigen Gentechnikprofiteure auf den Leim gehen und muss sich klar dafür einsetzten, dass Bäuerinnen und Bauern nicht in neue Abhängigkeiten durch Patente auf Pflanzen und Tiere getrieben werden. Das EU-Gentechnik-Recht hat sich bewährt. Auch künftig muss Gentechnik gekennzeichnet und zugelassen werden. Es braucht Wahlfreit für Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Folgekosten der Gentechnik müssen die Verursacher tragen.
  • Gut, dass erste Bausteine für den Umbauplan für die Tierhaltung vorgelegt wurden. Richtig ist, dass dabei der einzig bestehende gesetzliche Standard für artgerechte Tierhaltung - Bio - in die geplante verpflichtende Haltungskennzeichnung integriert werden soll. Das erspart über 17.000 Bio-Tierhaltern doppelte Bürokratie und beschleunigt den Umbau. Aber es müssen noch viele ergänzende Regelungen beim Bau- und Immissionsrecht, für Schlachtung und Transport und für Finanzierung beschlossen werden. Vor allem bei der Finanzierung reichen die geplanten Mittel für einen Umbau nicht aus.
  • Es ist gut, dass sich die Bunderegierung in Brüssel für eine Verschärfung der Vorgaben zu Pestiziden einsetzt. Wer von Brüssel Maßnahmen verlangt, muss aber die eigenen Spielräume nutzten, um den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide in Deutschland wirksam zu senken. Das ist noch nicht erfolgt.
  • Mehr Öko-Fläche gibt es nur, wenn Öko-Wertschöpfungspartner gestärkt werden sowie das Lebensmittelhandwerk insgesamt. Dafür gibt es allenfalls vorsichtige Ansätze. Ohne wirksame Förderprogramme für die Bio-Unternehmen und Umsteller, auf jeden Fall aber für die nachhaltig wirtschaftenden Bäckereien, Fleischereien, Schlachtereien und Mühlen werden handwerkliche und mitteständischen Strukturen weiter ausbluten. Eine regionale und resiliente Lebensmittelversorgung wird weiter ausgehöhlt. Es darf kein Geld mehr in Strukturen fließen, die nicht ökologisch nachhaltig sind, wenn der Umbau, auch in Krisenzeiten gelingen soll.
  • Die Bio-Forschung wurde von einem sehr niedrigen Niveau etwas erhöht und liegt weiter um die 2 Prozent der Agrarforschungsmittel. Von den angekündigten 30 Prozent Bio-Forschung ist somit noch nicht viel erreicht. Dabei profitieren von den Bio-Innovationen auch die konventionellen Betriebe.
  • Die Bundesregierung will eine Zukunftsstrategie Öko-Landbau auf den Weg bringen. Gut ist, dass Praktiker und Praktikerinnen aus der gesamten Wertschöpfungskette daran beteiligt werden. Diese Strategie als Teil eines ambitionierten Planes der gesamten Bundesregierung muss zügig umgesetzt werden. Die Strategie muss Bio-Unternehmerinnen und Unternehmer stärken, damit sie den Umbau von Landwirtschaft und Ernährung als Aktivposten der Transformation voranbringen können.
  • Die Potentiale der Bio-Außer Haus Verpflegung sind groß, dass zeigen Nachbarstaaten wie Dänemark oder Österreich. Damit Deutschland dieses Potential erschließen kann, muss nun schnell der rechtliche Rahmen dafür überarbeitet werden. Die Gesetzgebung dafür läuft leider schleppend und ist in Gefahr durch Störmanöver der Bundesländer ausgebremst zu werden. Ziel muss es sein, Wahlfreiheit zu schaffen und ein 50 Prozent Bio-Angebot in Kantinen zu etablieren.

* laut ZKL Abschlussbericht sowie BCG-Studie

Hintergrundinformationen

Bio ist preisstabil und wirkt als Inflationsbremse

Ein aktueller Vergleich der Verkaufspreise der Monate September bis November 2021 zum Jahr 2022 zeigt, dass die Preisaufschläge bei konventionellen Produkten deutlich höher sind als bei Bio. Im Discounter mussten im Herbst 2022 beispielsweise für konventionell erzeugte Möhren 60 Prozent mehr bezahlt werden als im Vorjahreszeitraum, im Supermarkt* stieg der Möhrenpreis um 20 Prozent. Durchweg geringer fielen die Zuschläge für Bio-Möhren aus. Sie lagen im Discounter bei 45 Prozent und im Supermarkt bei 12 Prozent. Der Bio-Fachhandel** hielt den Preis für Bio-Möhren mit 2 Prozent nahezu stabil. Die Preise für Bio-Produkte stiegen weniger stark als im konventionellen Bereich. Das heißt, dass sich die Preise zwischen Bio und konventionellen Produkten angleichen.

Dazu hat der BÖLW am 18.1.2023 eine eigene PM herausgegeben

Umsatzentwicklung von Bio-Lebensmitteln
In Deutschland wurden in den ersten fünf Monaten 2022 rund 35 Prozent mehr für Bio-Frischeprodukte* ausgegeben als im gleichen Zeitraum 2019 - und damit vor der Coronapandemie. Während der Coronapandemie ist die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher nach Bio enorm gestiegen. Jetzt erleben wir eine erwartbare Korrektur. Im Bio-Fachhandel sind die Auswirkungen deutlicher zu beobachten als im klassischen LEH. Der Bereich macht einen kleineren Teil des Bio-Marktes aus. Klar erkennbar ist, dass Kundinnen und Kunden aktuell verstärkt zu günstigeren Waren innerhalb eines Sortimentes greifen. Auch bei Bio. So zum Beispiel zu günstigen Bio-Nudeln. Somit werden auch die Bio-Nudeln eines Markenherstellers aktuell weniger oft gekauft. Wir sehen auch eine Verschiebung im Kaufverhalten von z.B. Bio- Backmischung hin zu Bio-Mehl. Das Niveau der Verbraucherpreise lag für Bio-Frischeprodukte im ersten Halbjahr 2022 5,2 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum**. Damit liegt die Preissteigerung bei Bio deutlich unter der Entwicklung bei konventionellen Lebensmitteln, für die 8,0 Prozent ermittelt wurden.

*Siehe BÖLW Pressemitteilung vom Juli 2022

Den jährlichen Branchenreport inklusive Zahlen zur Entwicklung der Bio-Flächen sowie des Bio-Umsatzes präsentiert der BÖLW zur BIOFACH 2023 am 14. Februar 2023 in Nürnberg.

Weitere Informationen zum Thema "Das leistet Bio für die Lösung der Multi-Krise": www.boelw.de/zeitenwende

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